Samstag, 08.09.2018

Wochenbettdepression nicht auf die leichte Schulter nehmen:

Kategorie: Gesundheit

Hilfsangebote nützen Mutter und Kind


Was mitunter leichtfertig als Baby-Blues gedeutet wird, stürzt junge Mütter in tiefe Traurigkeit und lässt sie häufig mit einem Gefühl der Überforderung kämpfen: Zehn bis 15 Prozent der Frauen leiden während der Schwangerschaft oder nach der Geburt unter einer ernst zu nehmenden Depression, mit negativen Auswirkungen für Mutter und Kind. Anlässlich des Europäischen Depressionstages greift die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) dieses oft tabuisierte Thema auf. Auf einer Pressekonferenz am 12. September 2018 in Berlin werden Experten unter anderem über mögliche Folgen der Wochenbettdepression, aber auch über Hilfsmöglichkeiten sprechen.

Anders als das harmlose Stimmungstief, das mit der Hormonumstellung nach der Geburt kommt und nach ein paar Tagen von selbst wieder verschwindet, reicht eine Wochenbettdepression tiefer und hält länger an“, erklärt Professor Dr. med. Kerstin Weidner, Klinikdirektorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden, die das Thema auf der Pressekonferenz vorstellen wird. Während der sogenannte Baby-Blues nicht als behandlungsbedürftig gilt, sollten Wochenbettdepressionen oder andere psychische Störungen, die während der Schwangerschaft oder nach der Geburt auftreten, unbedingt therapiert werden. Denn neben der Mutter ist immer auch das Kind betroffen: „Psychische Erkrankungen der Mutter haben weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder“, betont Weidner, die auch stellvertretende Vorsitzende der DGPM ist. Bereits im Mutterleib prägt das Wohlbefinden der Mutter die Art und Weise, in der die Kinder auf Stress reagierten. Später zeigten die betreffenden Kinder häufiger Regulationsstörungen wie Schlafprobleme oder übermäßiges Schreien – der Beginn einer Abwärtsspirale, in der die kindlichen Probleme negativ auf die seelische Verfassung der Mutter zurückwirken. Als zentrales Element in dieser Entwicklung sieht Weidner die frühe mütterliche Bindung zum Kind und die Art und Weise, wie Mutter und Kind miteinander interagieren – diese seien durch die mütterliche Erkrankung oft beeinträchtigt. Und auch wenn die zugrundeliegende psychische Störung erfolgreich behandelt werde oder abklinge, blieben die Interaktions- und Bindungsprobleme in vielen Fällen bestehen. Es sei daher sinnvoll, die Mutter nicht nur allein, sondern auch gemeinsam mit ihrem Kind zu therapieren mit dem Ziel, die Mutter-Kind-Beziehung zu stärken.

Dass dies gelingen kann, haben Studien an Weidners Klinik gezeigt. Dort gibt es ein spezielles ambulantes und teilstationäres Behandlungsangebot für Mütter mit Wochenbettdepression, das eine multimodale psychosomatisch-psychotherapeutische Therapie der Mutter-Kind-Interaktion einschließt. Dabei werden unter anderem die mütterliche Feinfühligkeit und Pflegekompetenz geschult. Flankierend gibt es Angebote wie Achtsamkeitstraining oder Babymassage. Gegebenenfalls wird auch der Partner oder die Familie in die Therapie mit einbezogen. „Im Verlauf der Behandlung verbessern sich die Mutter-Kind-Interaktion und das subjektive Erleben der Elternrolle deutlich“, sagt Weidner und plädiert dafür, den Zugang zu solchen Angeboten flächendeckend und niederschwellig zu gestalten. Denn allzu oft suchten betroffene Frauen aus Angst vor Stigmatisierung keine professionelle Hilfe auf.

Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatik und Ärztliche Psychotherapie vom 4.9.2018