Sonntag, 20.10.2019

Besorgniserregende Studienergebnisse:

Versorgungsnotstand in deutschen Kinderkliniken


Platzmangel auf deutschen Kinderintensivstationen: „Der notwendige Versorgungsbedarf für kranke Kinder kann nicht mehr sichergewährleistet werden“, sagt Privatdozent Dr. Florian Hoffmann, Sprecher der Sektion „Pädiatrische Intensiv- und Notfallmedizin“
der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Oberarzt auf der Interdisziplinären Kinderintensivstation am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Er bezieht sich dabei auf neue Studienergebnisse der Universität zu Köln, die jetzt
veröffentlicht wurden. Demnach führe die Unterfinanzierung in der
Pädiatrie zu einer Umstrukturierung der pädiatrischen
Versorgungslandschaft, die zu einem Abbau pädiatrischer
Versorgungskapazitäten führt. „Kliniken haben somit immer weniger
Betten und immer weniger Personal, um kritisch kranke Kinder zu
behandeln“, sagt Hoffmann. „Hier muss die Politik dringend
handeln, bevor die Gesundheit von Kindern durch die Ökonomisierung
des Systems riskiert wird.“

Die Wissenschaftler von der Universität zu Köln haben Einzel- und
Gruppeninterviews mit 50 Beschäftigten aus Kinderkliniken oder
Kinderabteilungen aus den Bereichen Pädiatrie und Kinderchirurgie
geführt. Die Studienteilnehmer beschreiben in nahezu allen Bereichen
der Pädiatrie eine ausgeprägte Leistungsverdichtung. Durch die
gestiegene Patientenzahl, komplexere Krankheitsbilder und kürzere
Aufenthaltszeiten hätten die Anforderungen zudem deutlich zugenommen.


Florian Hoffmann bemängelt die Situation an deutschen Kinderkliniken
schon länger: „Immer öfter müssen Kinder in Kliniken umgeleitet
werden, die mehr als hundert Kilometer vom Wohnort entfernt liegen.
Ein Trauerspiel für eine medizinisch so gut entwickelte Region wie
Deutschland. Hier ist die aktuelle Regierung in der Pflicht, seinen
jüngsten Bürgern eine wohnortnahe und exzellente Versorgung zu
garantieren“, sagt der Mediziner aus München.

Personal- und Bettenmangel: Prekäre Situation in de
Kinderintensivmedizin: Besonders prekär ist nach Aussagen der
Experten die Situation in der Kinderintensivmedizin. Durch Personal-
und Bettenmangel komme es hier regelhaft zu Versorgungsengpässen mit
gravierenden Auswirkungen für schwer erkrankte oder schwer verletzte
Kinder. Behandelnde Kliniken haben immer öfter keinen Platz mehr auf
der Kinderintensivstation und müssen die Kinder in weit entfernte
Kliniken transportieren.

Gleichzeitig führt der Wettbewerb miterlösstarken Subdisziplinen wie der Neonatologie zu Verschiebungenvon Personal, um die dort vorgegebenen Personalschlüssel zu
erfüllen. Strukturbedingt werden damit auch Interessenkonflikte
zwischen benachbarten pädiatrischen Spezialisierungen erzeugt, obwohl
sich das Personal dieser intensivmedizinischen Bereiche kompetitiv
ergänzen sollte. „Im Winterhalbjahr sind die Engpässe besonders
dramatisch. Wir stehen jeden Tag vor der Frage, welchen Kindern wir
absagen und welche wir aufnehmen. Mit graut jetzt schon davor, was wir
den Kindern und Eltern wieder zumuten müssen“, so Florian Hoffmann.


„Wir brauchen neben dem politischen Willen nun auch eine
gesellschaftliche Diskussion darüber, was uns die Behandlung von
Kindern wert ist.“ Die Studie der Universität zu Köln kommt zu dem
Schluss, dass ohne die umfassende Beseitigung der Unterfinanzierung
die Versorgung kritisch kranker Kinder sowie die Leistungs- und
Konkurrenzfähigkeit der Pädiatrie in Deutschland gefährdet ist.
„Die Entscheider in der Politik und in den Klinikleitungen sind
aufgefordert, Kindern das ihnen zustehende Höchstmaß an
Gesundheitsvorsorge zukommen zu lassen“, sagt Florian Hoffmann, der
auch Mitglied des Präsidiums der Deutschen Interdisziplinären
Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ist.

DIVI-Umfrage: Stationsleiter melden Defizit an Intensivbetten für
Säuglinge und Kinder: Bereits im vergangenen Jahr hat eine Umfrage
der DIVI-Sektion „Pädiatrische Intensiv- und Notfallmedizin“
unter Kinderintensivstationen in Deutschland gezeigt, dass im Mittel
rund 20 Prozent der möglichen Intensivbetten wegen fehlender
Pflegekräfte gesperrt sind. Insgesamt gibt es 36 eigenständige
pädiatrische Intensivstationen und 70 gemischte
neonatologisch-pädiatrische Stationen in Deutschland. 41 von ihnen
haben sich an der Umfrage beteiligt. 25 Prozent der befragten
Stationen gaben an, im Jahr 2017 zwischen 25 und 50 Patienten wegen
fehlender Bettenkapazitäten nicht aufgenommen zu haben. Weitere 25
Prozent mussten sogar 50 bis 100 Kinder ablehnen. 72 Prozent der
befragten Stationsleiter gaben an, dass in ihrer Region ein Defizit an
Intensivbetten für Säuglinge und Kinder herrsche.

„Wir steuern seit Jahren offenen Auges auf dieses Problem zu und können nun in
einem der reichsten Länder der Welt die flächendeckende Versorgung
von kritisch kranken oder schwer verletzten Kindern nicht mehr sicher
gewährleisten“, so DIVI-Vertreter Florian Hoffmann. Die
Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sowie die Bezahlung der
Pflegekräfte müssten deutlich verbessert werden: „Wenn auch in
Ballungsräumen weiterhin kranke Kinder versorgt werden sollen, dann
müssen sich die Pflegenden dieser Kinder auch das Leben in den
Ballungsräumen leisten können. Vermeintlich ‚billige‘
Arbeitskräfte aus dem Ausland können kein ernst gemeinter
Lösungsansatz sein.“

Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung
für Intensiv- und Notfallmedizin vom 4.10.2019