Heute Nachmittag steht noch unsere Eigeninitiative „Krabbelgruppe“ auf dem Programm.

Krabbelgruppe. Krabbelgruppe ist genauso ein seltsames Wort wie Krabbeldecke. So wie Krabbeldecken eigentlich für Kinder sind, die eben noch nicht krabbeln können und für Kinder, die Krabbeln können, von herausragendem Desinteresse sind, so sind Krabbelgruppen auch nicht für Kinder gedacht, die Krabbeln können, sondern eigentlich für deren Eltern.

 

Ursprünglich eine gute Idee zur Herstellung sozialer Netzwerke in einem individualisierten, entfremdeten und familienfernen Umfeld, hat man aber nicht bedacht, dass es bei Eltern ein kleines Problem gibt, das sich nicht so leicht ignorieren lässt:

 

Jedes Elternpaar hält erstens sein Kind für das einzig hübsche und intelligente und zweitens ihre Ansichten über Erziehung für die einzig wahren. Das ist Naturgesetz. Die ideale Krabbelgruppenzusammensetzung wäre eigentlich die von Eltern, die alle die gleichen Bücher gelesen haben und deren Kinder vom Alter her so weit auseinander sind, dass ein direkter Vergleich unmöglich wird.

 

Doch als Mutter weiß man, dass man eben nicht in der besten aller möglichen Welten lebt, erstellt für die Krabbelgruppen-Kaffeetafel penible Sitzordnungen und legt vier verschiedene Haufen Spielzeug auf zwei Krabbeldecken bereit.

Ein Haufen mit ergonomisch geformten anthroposophisch, handbemaltem Holzspielzeug, ein Haufen mit Spielzeug aus Stoff ohne harte Kanten, ein Haufen mit buntem Plastikspielzeug und ein Haufen mit Haushaltsgegenständen wie Nudelholz, Tupperschüssel und Backpapierkugel.

Dass alle Kinder sich ohnehin später auf den Haufen mit dem bunten Plastikspielzeug stürzen und man sich immer wieder wundert, dass schon 8 Monate alte Kinder zu solch vehementen Kampfhandlungen in der Lage sind, interessiert erst mal nicht weiter. Wichtiger ist, dass die Eltern erst mal zufrieden sind. Später, wenn sie in die Diskussion über ihre Kinder vertieft sind, merken sie ohnehin nicht mehr, dass selbige ihre Erziehungsgrundsätze vergnügt missachten und gerade auf einem roten Plastikgreifling herumkauen, der lang und anhaltend Melodien aus Disneys Dschungelbuch von sich gibt.

 

Mein Sohn spielt gar nicht so gerne mit Spielzeug, er spielt lieber mit den anderen Babys, zieht voller Begeisterung in Haaren und piekst in Augen, lacht und quietscht vor Vergnügen. Ich habe alle Hände voll zu tun, ihn einigermaßen in Schranken zu halten und gleichzeitig die Eltern seiner Opfer so kontinuierlich mit Kaffee zu versorgen, dass sie nicht weiter auf das Geschehen auf der Krabbeldecke achten müssen. Außerdem lastet ja noch die schwere, verantwortungsvolle Aufgabe auf mir, ihnen schonend beizubringen, dass sie sich irren, was Intelligenz und Schönheit ihrer Kinder angeht. Ich meine, eigentlich braucht man sich meinen Sohn nur einen Augenblick lang anzusehen um zu wissen, dass er in dieser Runde die Maßstäbe setzt, aber irgendwie scheinen alle anderen Eltern wie berauscht und ignorieren diese offensichtlichen Fakten mit Nachdruck. Ich bleibe diplomatisch.

 

Endlich bricht kollektives Geschrei unter den Kindern aus. Das Zeichen zum Aufbruch. Weitere Gespräche über den Sinn oder Unsinn vom Stillen Dreijähriger werden unmöglich, weil die zukünftigen Dreijährigen völlig reizüberflutet und mit den Nerven am Ende sind. Mein Sohn amüsiert sich prächtig.