Keine Sprechstunde heute!!

Ich komme um 11.05 Uhr am Sekretariat meines Literaturprofessors an. Noch im Flur meine ich zu hören, wie sich der Schlüssel der Sekretärin im Schloss herumdreht. Und zum ersten Mal in meinem Leben bin ich für zwei Dinge dankbar:

Erstens, dass ich in meinem Leben noch keine Bürokraft getroffen habe, die nicht Mitte 40 und weiblich ist, und zweitens dafür, dass mein Sohn genau in diesem Augenblick findet, dass er jetzt lange genug im Tragetuch gesessen hat und beginnt, dies lauthals kundzutun.

 

Dies Geräusch macht es natürlich unmöglich, den Schlüssel zu hören, wie er sich wieder im Schloss zurückdreht. Ein dauergewellter, rot gefärbter Kurzhaarschnitt erscheint in der sich öffnenden Tür: „Ooooohhh, wie nieeeedlech!“. Das „Kommse nu rein!“, höre ich schon gar nicht mehr, weil jetzt zwei ausgemergelt aussehende wissenschaftliche Mitarbeiterinnen dazukommen, die, als Akademikerinnen zur Kinderlosigkeit verdammt, sehnsüchtige Blicke werfen und mit tintenfleckigen Fingern über weiches Babyhaar streicheln. Sie gibbeln und gurren.

 

15 Minuten und eine ausführliche Auskunft über Schlaf-, Ess- und Ausscheidungsgewohnheiten meines Sprösslings später kann ich endlich meine Frage vorbringen. „Nein, dä Scheff is nich im Hause. Da müssnse inne Sprechstundä komm. Dies Freitach. Von Sechzehn bis Achzehn.“

Mein Glück hat sich soeben erschöpft.

 

Auf dem Weg zur Mensa sammele ich eine Traube von Mitstudentinnen um mich, die mich wie ein Kometenschweif verfolgt.

Es hagelt besorgte Fragen. „Und das SCHAFFST Du? Mit Studium UND Kind???“ „Wie war denn die Geburt?“ und meine Lieblingsfrage: „UND? Wann hast Du die letzte Nacht durchgeschlafen?“

Schlafentzug und der Verlust von Körbchengröße B scheint meine Kommilitoninnen an der Sache mit dem Kinderkriegen am meisten zu beschäftigen.

„Kind und Studium? Kein Problem! Wenn man ein Außerirdischer mit Superkräften, zwei Köpfen, drei Armen und einem IQ von 270 ist.“

„Wusstet ihr, dass man in der Austreibungsphase mit hoher Wahrscheinlichkeit vor den Augen aller Anwesenden seinen Darm entleert?“

„Durschschlafen? Vor einer Millionen Jahren!“

Antworten, die mir auf der Zunge kribbeln wie Ahoi-Brause. Ich verkneife sie mir und halte mich an meine üblichen Sprüchlein: „Kein Problem.“ „Beeindruckend.“ „Man gewöhnt sich dran.“

 

Mein Sohn scheint das Nahen seiner Mittagsmalzeit für gekommen zu halten und wird im Tragetuch wieder zappelig.

Schon mal versucht, mit 8 Kilo sich wehrendem Kind vor dem Bauch ein Tablett zu tragen, auf dem ein Suppenteller und ein gefährlich schwappendes Wasserglas balancieren? Nein? Ist auf jeden Fall eine Erfahrung wert.

Ich nehme den Tisch direkt neben der Kasse. Jetzt muss mir noch mal jemand ganz langsam und in Großbuchstaben erklären, warum es in der Mensa Hochstühle gibt, wenn sie – erstens – nie da sind, wo sie hingehören und wenn sie – zweitens – nur auf die Ebenen hingehören, die von der Kasse möglichst weit entfernt und nur über Aufzug oder Treppe erreichbar sind.