Tägliche Frage an uns: Warum gibt es das, wenn das Zeug angeblich so schädlich ist?

Verbrauchertäuschung

Professor Dr. Berthold Koletzko ist Leiter der Abteilung für Stoffwechselstörungen und Ernährungsmedizin am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit und Vorstand der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ).


ÖKO-TEST:
Nach Ansicht der DGKJ-Ernährungskommission entsprechen Trinkmahlzeiten nicht der europäischen Gesetzgebung für Säuglings- und Folgenahrung. Warum nicht?
Koletzko:
Die neugefasste europäische Säuglingsnahrungsrichtlinie sieht u.a. vor, dass Säuglingsnahrungen und Folgenahrungen für Säuglinge und Kleinkinder bis zum Alter von drei Jahren eine Energiedichte von 60 bis 70 Kilokalorien pro 100 Milliliter aufweisen müssen. Die meisten sogenannten Trinkmahlzeiten, also zum Trinken angebotene Breimahlzeiten, liegen allerdings weit über diesem gewünschten Energiegehalt und sind deshalb mit einem hohen Risiko der Überfütterung verbunden. Sie sind Beikostprodukte, die als Flaschennahrung absolut nicht geeignet sind. Doch die Werbung und Vermarktungsstrategie zielen auf Fütterung mit Fläschchen und Tasse. Verbraucher könnten getäuscht werden und den Eindruck gewinnen, es handele sich um echte Flaschennahrungen nach den Standards der europäischen Gesetzgebung, was ja nicht der Fall ist. Im Übrigen sind einige verwandte Begriffe wie etwa "Gute Nacht Fläschen" oder "Schlaf gut Trink-Mahlzeit" gesundheitsbezogene Werbeaussagen (sogenannte "Health Claims"), von denen Verbraucher und die aktuelle europäische Gesetzgebung erwarten, dass sie wahr und nachweisbar sind. Es gibt jedoch keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Kinder durch die Gabe eines solchen Produktes besser schlafen als nach dem Stillen oder der Fütterung einer Säuglingsnahrung.

ÖKO-TEST: Ihre Kommission kritisiert auch den Glutengehalt der Trinkmahlzeiten: Wie und wann sollte glutenhaltiges Getreide eingeführt werden?

Koletzko: Generell gilt: Sinnvoll ist die l a n g s a m e Einführung in kleinen Mengen mit dem Löffel, keinesfalls per Flasche oder Tasse. Untersuchungen aus Schweden zeigen, dass eine plötzliche hoch dosierte Glutenzufuhr mit einer Trinknahrung die Häufigkeit einer schwer verlaufenden Zöliakie bei so ernährten Kindern um mehr als das Dreifache auf etwa eins von 30 Kindern hinaufkatapultiert. Das niedrigste Risiko besteht nach vorliegenden Studien, wenn sehr kleine Glutenmengen eingeführt werden, während das Kind noch gestillt wird bzw. erstmals während des fünften bis sechsten Monats gegeben werden. Bei früherer oder späterer Einführung steigt das Risiko.Autor: Annette Dohrmann

Quelle: Ökotest Mai 2008