von Julia
Wie alle Mütter liebe ich mein Kind. Und wie alle Mütter bin ich glücklich, wenn ich mit meinem Kind am Vormittag einen entspannten Stadtbummel machen darf. Wenn Johan vertrauensvoll zu mir emporschaut, meine Hand nimmt und losdackelt. Wenn wir Zeit haben, um an jeder Ecke zu staunen und zu lachen, ohne uns über die Zeit Gedanken zu machen. So war es heute!
Bis ca. 10.30 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits staunend zugeschaut, wie Johan sich bei ca. 15°C Außentemperatur die Jacke selbständig auszieht, beschließe aber, dass ich eine moderne Mutter bin, die ihn das ausprobieren lässt. Schließlich ist er in Bewegung und schwitzt deshalb vielleicht auch ein bischen, schließlich habe ich selbst ebenfalls keine Jacke an. Und wenn er doch irgendwann frieren wird, wird er mir das mitteilen und seine Jacke selbständig wieder anziehen. Die Mütter, die an uns vorüber ziehen und ihre Kinder in Winterjacke, Schafsfell und Mütze gepackt haben, ignoriere ich geflissentlich. Sie mich nicht...
Wir kommen an Johans Lieblingsstraße an. Sie ist für den normalen Verkehr gesperrt und wird nur von Bussen befahren. Spannend. So spannend, dass es langweilig ist, an Mamas Hand zu gehen. Und so spannend, dass man am liebsten auf die Straße laufen und jeden fahrenden Bus umarmen will.
Mütter haben das nicht so gerne...
Ich nehme Johan wieder an die Hand und versuche, mit ihm das Treiben aus der Ferne zu beobachten. Vergiss es, Mama! Ein neuer Versuch, ihn loszulassen, endet auf der Straße. Ich nehme Johan erneut an die Hand, Johan zieht es vor, sich auf den Boden zu schmeißen und zu schreien. Es gibt drei Möglichkeiten. Nein, Johan freundlich zu bitten, wieder aufzustehen und die Straße zu verlassen, ist keine davon! Ich kann ihn entweder auf der Straße liegen lassen (okay, auch diese Möglichkeit zählt nicht), ein sich windendes und schreiendes Kind ein paar hundert Meter wegtragen und hoffen, dass sich dort eine Ablenkung bieten wird (wird mit zunehmendem Bauchumfang zunehmend beschwerlicher) oder mein Kind in Sicherheit bringen und es in den Kinderwagen stopfen und festschnallen.
Ich fühl mich böse, entscheide mich aber dennoch für die letzte Variante. Zuvor muss ich Johan allerdings seine Jacke wieder anziehen. Dabei schmeißt er sich noch 3mal auf den Boden, knapp an der Hundekacke vorbei. Die Leute bleiben stehen und glotzen. Schließlich sitzt Johan mit Jacke und ohne größere Verletzungen (kleine Schürfwunden und Beulen vom Kopf auf das Pflaster schlagen nicht mitgezählt) im Wagen (Gottseidank!).
Die Leute gucken immer noch blöd und ich fühle mich noch ein bisschen böser.
Eine alte Frau ist so freundlich und unterstützt mich.
Sie zeigt Johan ihren Gehstock und sagt: "Siehst Du das hier? Damit bekommst Du was auf den Popo, wenn Du jetzt nicht ruhig bist!"
Kurze sinn- und ergebnislose Diskussion darüber, warum man Kinder nicht schlägt und fremde schon gleich gar nicht. Dass man auch lange sinn- und ergebnislose Diskussionen über dieses Thema führen kann, habe ich bereits gelernt.
Dann geht es mit einem meckernden Kind weiter. In der Fußgängerzone lasse ich Johan wieder raus, leider ausgerechnet vor so einem blöden Ruckelauto. Aber gut, ich bilde mir immer noch ein, dass ich eine geduuuuuuldige Mutter bin! Da kann jeder noch so blöd gucken!
Johan sitzt im Auto. Er sitzt laaaange im Auto! Dann will er raus und weitergehen.
Ich hab kurz das Gefühl, dass ich eine gute Mutter bin.
Da kommt ein anderes Kind, das in das Auto will. Johan will auch wieder ins Auto. Da er alleine nicht hineinkommt, gehe ich ein gutes Stück weiter. Er wird schon hinterherkommn.
Die alten Männer auf der nahestehenden Bank lauern gespannt auf meine Erziehungskünste...
Johan kommt nicht. Johan hört meine Rufe nicht, Johan interessiert sich überhaupt gar nicht dafür, wo ich bin, er interessiert sich nur für das Kind in SEINEM Auto.
Aber ich bin eine geduldige Mutter...
Da kommt ein Auto durch die Fußgängerzone gebrettert. Ich laufe zu Johan zurück, nicht ohne das Gemeckere der alten Männer über inkonsequente junge Mütter zu hören. Konsequenz ist wichtig! Man muss unbedingt konsequent sein, dafür sollte man wirklich alles in Kauf nehmen. Auch, dass das eigene Kind vom Auto überfahren wird...
Ich danke Gott auf Knien, als ich die Haustür hinter uns schließe, leider steht hinter der Haustür das Dreirad unserer Nachbarn. Als ich mit meinem schreienden Kind endlich im 3. Stock angelangt bin (ich male mir lieber nicht aus, wie sich das in der 40. Schwangerschaftswoche anfühlt), höre ich, wie jemand in einem unteren Stockwerk eine Tür knallt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass dies eine dezente Bitte sein soll, sich im Treppenhaus leiser zu verhalten und nehme mir vor, dieser Bitte beim nächsten Mal nachzukommen. Das Wohl meiner Nachbarn liegt mir am Herzen