Und erstens kommt es anders....

    Oder: Die Geschichte von Benjamins Geburt

Kurz vorm errechneten Termin hatte mir mein Frauenarzt gesagt, das Baby würde noch nicht tief genug im Becken sitzen, und dass es möglicherweise nicht durch mein Becken passen würde. „Hm…“, dachte ich mir, „was soll das denn bedeuten?“
Je näher der ET rückte, umso öfter musste ich zum Arzt. Jedes mal kam eine neue verwirrende Botschaft. „Das Kind scheint Schwierigkeiten beim Senken zu haben“, „es ist ‚zu klein’ höchstens 6 Pfund“, …
Mein Frauenarzt sagte mir voraus, es könne durchaus noch ein, zwei Wochen dauern bis die Wehen einsetzen. Außerdem wäre nicht  auszuschließen, dass es doch noch ein Kaiserschnitt gäbe. Wenn es eine normale Geburt würde, würde es wohl eine lange schwierige Geburt werden. Aber eine PDA könnte helfen.
Nun ja. Ich versuchte das ‚Gerede’ zu ignorieren, was manchmal mehr, manchmal weniger gelang.
Ich war entschlossen eine natürliche Geburt zu haben, am liebsten eine Wassergeburt. Ich wollte keine PDA, höchstens natürliche Schmerzmittel, wie Akupunktur.
Außerdem wollte ich gerne einen Einlauf, den wollte ich gerne daheim auf meiner eigenen Toilette erledigen.

Ich hatte mir die Geburt also schon in Gedanken ausgemalt. Ich würde ganz ruhig bleiben wenn die Wehen einsetzen, die würden bestimmt Nachts beginnen. Ich wollte auf keinen Fall zu früh ins Krankenhaus fahren. Wenn die Wehen also so ungefähr 10 Minuten auseinander liegen, würde ich den Einlauf machen. Ich würde dann warten bis die Wehen 5 Minuten auseinander liegen, bis dahin würde ich brav meine Atemübungen aus der Vorbereitung machen und mir eine bequeme Haltung aussuchen, bestimmt würde das auf den Knien über dem Peziball sein. Mein Mann würde mir den Rücken massieren. Also mit Wehen in 5 minutigem Abstand würden wir dann ins Krankenhaus fahren. Dort würde ich dann mit korrekter Pendelatmung mein Kind zur Welt bringen. Ich würde natürlich einsehen, dass jede Wehe mich meinem Baby näher bringt, falls ich es vergessen sollte, würde mein Mann mich daran erinnern, natürlich.

Da aber immer alles anders kommt als man denkt lief die Geburt meines Sonnenscheins wie folgt ab:
Um 17.40 sprang meine Fruchtblase. Damit hätte ich nie gerechnet, denn sooft man davon auch hört, ist ein vorzeitiger Blasenspruch prozentual gesehen nicht so häufig wie man glaubt.

Auf dem Weg ins Bad schaute ich aus dem Fenster und sah einen wunderschönen, großen Regenbogen.
Ich rief mein Mann an der Arbeit an damit er mich ins Krankenhaus fährt.

Gegen 18.30 kamen wir am Krankenhaus an und klingelten im Kreissaal. Die Hebamme war irgendwie, überheblich und unfreundlich. Sie untersuchte mich und war sich nicht sicher, ob das ein Blasensprung war. Ich wusste aber dass es ein Blasensprung war. Die Farbe und der Geruch waren unverwechselbar.

Die Hebamme schloss mich ans CTG an und zum Glück war währenddessen Schichtwechsel.

Als die neue Hebamme, eine sehr liebe, zurück kam untersuchte sie mich noch einmal und dann ging wieder ein ganzer Schwall Fruchtwasser ab, wie gesagt, unverkennbar.

Dann wurde vom Arzt ein Ultraschall gemacht. Er konnte nicht bestätigen, dass das Baby zu klein war. Das Baby war immer noch nicht tief im Becken, die Wehen waren keine richtigen Wehen, taten aber sehr weh schon.

Die Hebamme gab uns die Anweisung, wir sollten auf Station ein Zimmer beziehen, noch mal spazieren gehen und dann in zwei Stunden wieder zum CTG hoch in den Kreissaal kommen.

Also bezog ich das Zimmer, dass ich für mich alleine hatte, und mein Mann und ich gingen spazieren. Es wurde langsam dunkel und irgendwie war das draußen laufen mir nicht geheuer. Also gingen wir zurück aufs Zimmer, mein Mann schaute noch etwas Fußball im Fernsehen und ich lag halbwegs im Vierfüßler-Stand auf dem Bett und döste zwischen den Wehen, die jetzt wirklich Wehen sein mussten, denn jetzt taten sie richtig weh. Richtig im liegen war es kaum auszuhalten.

Um halb neun waren wir wieder oben bei der Hebamme am CTG, Wehen im 4 Minuten Abstand und der Muttermund war drei Finger durchlässig. Die Hebamme hat uns empfohlen zu versuchen zu schlafen. Sonst wären wir die Nacht um 3, wenn es dann richtig losgehen würde, müde. Meinem Mann bot sie ein Bett mit bei mir im Zimmer an. Er wollte aber lieber ein paar Stunden im eigenen Bett schlafen.
Die Hebamme gab mir eine Tablette und ein Zäpfchen mit zum ‚Entspannen’ zwischen den Wehen. Das Zäpfchen kam allerdings gleich wieder, denn mit der Zunahme der Wehentätigkeit, nahm auch eine andere Tätigkeit zu …
Die nächsten 2 bis 3 Stunden vergingen wie im Flug. Ich versuchte eine Zeitlang es mir irgendwie im Bett bequem zu machen – keine Chance. Im liegen waren die Wehen nicht auszuhalten. Und das hohe Krankenhaus Bett, ich brauchte ewig um rein und raus zu kommen. Ein Stuhl kam mir zur Rettung. Während den Wehen lief ich im Kreis im Zimmer herum und versuchte ‚richtig’ zu atmen, das gelang auch mehr oder weniger. Ich verbrachte also recht viel Zeit im Kreis laufend und kapierte gar nicht, dass ich bereits mitten in der Eröffnungsphase war. Wenn ich es noch einmal zu machen hätte, würde ich nicht zulassen, dass mein Mann nach Hause fährt, denn nun war die Zeit wo ich doch auf dem Peziball liegen sollte während mein Mann mir den Rücken massierte!

So halb eins muss es gewesen sein als ich zwischen den Wehen mich gar nicht mehr hinzusetzen brauchte. Da dachte ich mir, „Hm, die Hebamme hat zwar gesagt es dauert zwar noch, aber ich lass doch noch mal drauf schauen …“ Als ich hoch kam war die Hebamme überrascht, dass die Wehen schon so ‚schlimm’ waren. So bald ich mich überwinden konnte mich hinzusetzen damit ich ans CTG konnte, waren die Wehen erst mal weg. „Hä, was soll das denn jetzt?!“ dachte ich. Aber es dauerte nicht lange, da waren sie wieder mit voller Wucht da, und ich durfte nicht aufstehen! Das war für mich echt fast das schlimmste. Die Hebamme atmete mit mir und das half erstaunlicher weise mehr als das alleine Atmen.
Die Untersuchung nach dem CTG ergab, das der Muttermund bereits 5 bis 6 cm geöffnet war, und dass das Baby den Weg gefunden hatte, es lag also richtig und somit sah es gut aus für eine natürliche Geburt.

Auf dem Weg aufs Kreisbett sagte die Hebamme zu mir, „Sie bekommen jetzt erst mal eine Spritze in dem Po.“ Eigentlich wollte ich eine natürlich Geburt, aber in dem Moment war es mir wirklich egal.
Dann wurde mein Mann angerufen, er sollte schnell kommen. Er fragte, ob er erst noch duschen durfte! Die Hebamme sagte, „Ja, dafür ist noch genug Zeit.“ Mir kam es so vor, als wären es nur 5 Minuten gewesen bis mein Mann da war. Es waren aber so 20 Minuten. 1.20 Uhr lag ich auf der Seite im Kreisbett und mein Mann kam er in den Kreissaal. Er fragte ganz lieb die Hebamme ob ich nicht noch in die Wanne könne, denn er wusste, dass ich gerne eine Wassergeburt gehabt hätte. Sie schaute ihn irgendwie komisch an. Zum Glück sagte ich, „Ach, ich lieg hier ganz bequem, ich bleibe hier.“ Die Hebamme machte eine Bemerkung, dass die Spritze wohl besser wirken würde, als vorgesehen, denn „so kurz vor den Presswehen“ hat sie noch nie gehört, dass irgendjemand noch Bequem liegt.

Irgendwann durfte ich dann auch dem Pressdrang nachgeben einige Wehen lang, dann musste ich anfangen zu hecheln. Ich hatte im Geburtsvorbereitungskurs die Pendelatmung gelernt, die Besser für das Baby sein sollte, die hab ich auch gemacht, bis die Hebamme das Hecheln befahl. Manchmal frage ich mich ob die Geburt besser verlaufen wäre, wenn ich die Pendelatmung hätte machen dürfen.

In den Presswehen lag ich über eine Stunde. Kurz nachdem ich endlich wieder pressen durfte, blieben die Wehen weg. Die Herztöne unseres Babys waren auch nicht rosig. Im Kreissaal wurde es plötzlich hektisch. Der Oberarzt wurde hinzu gerufen. Arzt und Hebamme lagen auf mir und ‚pressten’ mit. Ich sollte pressen, aber hatte kein Pressdrang. Ich spürte wie das Köpfchen nicht vor und nicht zurück ging, ich schrie. Die Hebamme schimpfte mit mir, „Frau Heil! Hören sie auf zu schreien! Wenn sie Schreien kommt hier unten nichts an!“

Mein Mann stand mir die ganze Zeit ganz toll bei Seite. Er hielt meine Hand und wir drücken uns so fest, in normalem Zustand würde man vor Schmerz laut aufschreien, ich spürte nichts.

Irgendwann war das Köpfchen tief genug. Der Oberarzt setzte den Schnitt, die Saugglocke wurde angesetzt und dann war schnell das Köpfchen geboren. Um 3.04 Uhr sah mein Mann unseren kleinen. Wir hatten uns nicht das Geschlecht sagen lassen. Mein Mann flüsterte mir ins Ohr. Da ist unser Benjamin!
An die Geburt habe ich nur positive Erinnerungen. Es war eine recht schnelle Geburt, und auch die anstrengende Endphase war jede Mühe wert.